Mein Wecker reisst mich mit „Guten Morgen, guten Morgen, guten Morgen Sonnenschein“ aus meinen - leider viel zu kurzen - Träumen. Gut, dass ich einen großen Vorrat an Ohropax dabei hab und mir die Augenmaske ausm Flieger mitgenommen hab. Braucht man! Denn Balinesische Hähne krähen nicht nur zum Sonnenaufgang sondern die ganze Nacht durch (Paarungszeit?). Um acht schaff ichs dann auch endlich aufzustehen, völlig umsonst, denn das Bad das ich mir mit Jan und Thimo (sein Bruder auf Besuch) teile ist belegt (oh nein, wertvollen Schlaf verschenkt)! Egal, anziehen, Frühstücken, duschen, EINCREMEN und schon kanns losgehen zum ersten Ausflug! Oder auch nicht? Der Bus war für dreiviertel neun bestellt, um halb zehn war er dann auch da (wie war das noch mal mit dem verschenkten Schlaf?). Und schon krieg ich meine erste Lektion in Sachen andere Kultur: auf Bali (oder generell Indonesien) ist es unhöfflich pünkltich zu sein! Prima, gut zu wissen, bin ja eh eher von der unpünkltiche Sorte ;-)
Aber jetz geht’s los! Dominik hat sich nochmal mit seiner balinesischen Tante kurz geschlossen (die den Ausflug geplant und finanziert hat) und teilt uns mit, dass wir uns alle besser einen Sarong zu legen (Wickelrock, auch für Männer!) weil das höflicher ist. Also einmal kurz anhalten, Geld abheben (das erste Mal in meinem Leben, dass ich EINE MILLION abgehoben hab, auch wenns umgerechnet nur ein bißchen über achtzig Euro sind) und nach Sarongs Ausschau halten. Gibts keine, weil Touristen-Eck. Also weiter nach Ubud, das Ziel unseres Ausflugs, und nun, was wir da vorhatten:
Wenn auf Bali jemand stirbt, dann wird er für gewöhnlich zeremoniell verbrannt. Und wenn jemand wichtiges stirbt, dann wird diese Zeremonie zum Volksspektakel. Und gut für uns (makaber, tschuldigung): die Frau des Präsidenten/Regenten von Bali war vor ein paar Tagen gestorben und heute war der Tag ihrer Einäscherung.
Also, wir kommen in Ubud an, vorbei am Monkey Forest (ein Wald voller Affen, die den Touris Taschen und Kameras klauen und nur gegen Bananen wieder her geben - wollen wir auch noch hin) hinein in den Trubel. Erst mal hat uns die Polizei aufgehalten an der Hauptstraße, weil keine Autos mehr durchgelassen werden, bis zum Ort des Geschehens. Unser Fahrer hat dann gefragt wie weit es noch ist - 2km, was hier soviel heißt wie: wahrscheinlich drei, vielleicht auch fünf - und deshalb is unser Busfahrer dann doch einfach weiter gefahren, so weit könne er uns schließlich nicht laufen lassen... Ich dreh mich kurz um, und schau, ob wir schon verfolgt werden (ich seh mich schon im „detention room“ der örtlichen Polizeiwache sitzen), aber nichts der gleichen geschieht, puh!
In Ubud angekommen, werden wir schon von sämtlichen Straßenverkäufern umringt, die uns ihre Sarongs, Holzschnitzerein, Ketten und Getränke anbieten wollen. So, und jetz passierts, weil ich mich net auskenn und mich vorher net erkundigt hab (selber Schuld!): ich lass mich gleich zweimal übers Ohr hauen: mein Sarong kostet mich 100.000Rupiah (8Euro) und mein Wasser 10.000 (80Cent). So, und nachher erzählen mir meine Lieblingsmädls (Kathi und Kathi aus Berlin), dass die mich ausgenommen haben, wie eine Weihnachtsgans, denn so ein Sarong gibt’s zwischen 10.000-30.000Rupiah und ein Wasser für 2.000. Na prima! Aber gut, ich hab draus gelernt, ab jetz verhandel ich knallhart!
Man macht sich gar keine Vorstellung, wie diese Verkäufer einen belagern! Die weichen einem nicht von der Seite, eine ist gut 100m neben mir her gelaufen, hat mir ihre Sarongs feil geboten und mich ständig am Ärmel gezupft! Oh Mann, da will man ja nicht unhöflich sein, und eigentlich tun sie einem ja auch leid, aber man kriegt schon Angstzustände, wenn die einem ständig auflauern und nimmer von der Backe weichen. Nachdem ich dann meinen Nichtschnäppchen-Sarong gekauft hatte, dachte ich eigentlich ich wär zumindest einen Teil der Verkäuerinnen los, aber nichts da, sie laufen weiter fleißig auf mich zu und wollen, dass ich noch 3-4 kaufe, man kann ja schließlich nicht genug haben?! - Doch man kann.
Egal, also, hier stehen wir, noch knapp zwei Stunden bis das Spektakel losgehen soll und braten in der Sonne, weil jemand gesagt hat, in Ubud is es nicht so warm, weils nördlicher is und weil es sich schickt, eine lange Hose und geschlossene Schuhe zu tragen. Von wegen! Die einheimischen sind in Sarong und FlipFlop und die Touris, na die haben fast gar nichts an, nein halt - doch, einen Sarong, naja. Also, Hose hochgekrempelt und Schatten gesucht, gar nicht so leicht und deshalb sind wir gleich mal in ein Lokal eingekehrt. Man merkt, dass wir uns an einer Touristen-Hochburg aufhalten, denn hier kosten mich meine Crustinis und ein Iced Lemon Tea 31.000Rupiah (2,60Euro) - man kanns verkraften ;-) Und als Special Service läuft am Regal eine Ratte vorbei - wie süß, gut dass ich mich vor sowas nicht fürchte (gibt’s auf Bali eigentlich Vogelspinnen???)
Frisch gestärkt schmeissen wir uns wieder ins Gedränge und schauen was passiert. Vor uns stehen zwei riesige Pappmasché-Pferde, eins größer als das andere, aber beide riesig und dahinter ein noch riesigerer Turm mit einem Sitzplatz. Aha. Es spricht sich rum, dass im Tempel grade die Leiche der Frau einbalsamiert und eingewickelt wird - von ihren Verwandedten - und dass sie dann in einen einfachen Holzsarg gelegt wird, der dann über eine monströs große Rampe in den Turm gebracht wird. Der Turm und die Pferde sind auf Tragegestelle aus Bambus aufgebracht, die von vielen Trägern zum Ort der Verbrennung (1.2km Marsch) getragen werden sollen. Aha. Soweit so gut.
Wie gesagt, in Bali dauert alles etwas länger, also stehen wir (in der brandheißen Sonne!) und schauen und schauen und lauschen der Musik, die in Sachen Spannungsaufbau locker mit Hollywood-Filmusik verglichen werden könnte. Eine Wahnsinns-Atmosphäre!
Nachdem der Sarg gut verstaut ist, und die Söhne der Toten im Turm, und somit auf dem Sarg Platz genommen haben bewegt sich der Zug in einem Affenzahn Richtung „Scheiterhaufen“. So gemütlich alles vorher von statten ging, umso schneller gehts jetz voran. Wir hinterher, und an einer Kreuzung biegt ein Teil der Menschenmasse (hauptsächlich Einheimische) links ab, wir hinterher - hey, ne Abkürzung! - und lassen uns mit tausend anderen Fußgängern und vorallem Rollerfahrern durch enge Gässchen schieben. Unsere vermeintliche Abkürzung ist dann aber ein riesiger Umweg und wir verpassen, wie der Sarg aus dem Turm genommen, viermal drum herum getragen und dann geöffnet wird.
Zwischenzeitlich ist das größere Pappmaché-Pferd auf ein großes Podest unter einen Baldachin gestellt und der Rücken geöffnet worden. Die Träger legen den eingehüllten Leichnam in den Bauch des Pferdes und decken in mit einer Vielzahl von bunten Tüchern zu und schließen schließlich das Pferd.
Ein Blick um mich rum verrät mir, dass viele Einheimische ähnliche Gebilde wie das Pferd (nur kleiner) und auch kleine Türmchen mit her getragen haben, die hinter uns auf einer kleinen Grassfläche Platz gefunden haben. Warum? Weiß ich nicht - noch nicht. Denn ein Holländer der neben mir steht, erzählt mir mehr:
Solch eine große Zeremonie gibt’s nur ganz selten, eben dann, wenn jemand aus der Herrscherfamilie stirbt, alle 20Jahre vielleicht. Und die Balinesen nutzen dieses Ereignis um ihre Toten und ausgegrabene Gebeine längerer Verstorbener mit an Ort und Stelle zu bringen, denn sie versprechen sich davon, dass ihr Verwandter dadurch in eine höhere Kaste im nächsten Leben kommt, wenn er oder sie gleichzeitg mit einer Person aus der höchsten Kaste verbrannt wird. Aha, heißt also, hinter mir stehen Pappmaché-pferde und -kühe, die Knochen und Leichenteile in ihren Bäuchen tragen. Oh!
Während wir so den Geschehnissen am Hauptplatz folgen - gleich müsste es soweit sein, dass das Pferd angezündet wird - merken wir plötzlich, dass es hinter uns ziemlich heiß wird... Was ist da los? Ich dreh mich um, und mich trifft fast der Schlag: keine fünf Meter von mir entfernt brennen sämtliche mannsgroße Pappmachétiere. Wahnsinn! Und wie gefährlich!
Was wenn die Bäume um uns rum zu brennen anfangen? Ich komme nicht umhin daran zu denken, dass in Deutschland wahrscheinlich der ganze Platz in einem Umkreis von 300m abgesperrt worden wäre und man vor lauter Löschzügen der Feuerwehr gar nichts mehr gesehen hätte.
Aber man muss sagen, hier gabs immerhin 2 Feuerwehrfahrzeuge - auf deren Dächer es sich allerdings schon so einige Touristen bequem gemacht haben um einen besseren Blick zu erhaschen, ähem - ich schäme mich schon wieder fremd!
Aber weiter: es ist soweit, das große Pferd wird angezündet - und brennt wie Zunder! Andächtig steht die Menge da und schaut den Flammen zu, wie sie die Tiere und was sich in ihren Bäuchen versteckt auffressen.
Oh okay, der rauch wird immer dichter... Ich denk noch so - was wenn die Holzkonstruktion nach gibt und der Leichnam aus dem Pferdebauch rausfällt? - und da passiert es auch schon... Asche wird aufgewirbelt, kleine Tuchfetzen fliegen durch die Luft, und wer kriegt natürlich einen Schwall Asche ab? Ich näturlich! Bäh, ich hoffe sie kommt von einem der Tücher und nicht von der Leiche!
Gut, jetz wird’s aber echt unangenehm: Aschefetzen überall und beissender Rauch, von dem einem die Tränen kommen. Also, nichts wie weg und zurück zum Ausgangspunkt.
Voller Asche und Staub machen wir uns auf den Weg nach Hause. Nach Jimbaran auf Bali, mein neues, temporäres, aber aufregendes Zuhause ;-)
UND DAS BESTE: GANZ OHNE SONNENBRAND, JUHU!
(Sonnenschutzfaktor 50 sei Dank!)
mehr Bilder gibts hier
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