Am Freitag geschah es zum ersten Mal, dass ich mit als letztes aus dem Büro gekommen bin. Nicht, dass ich Freitag abends nichts besser zu tun wüsste, aber seit ich mich selbstständig um den zweiwöchigen Flughafennewsletter kümmern muss, weiß ich was Stress wirklich heißt, denn jeder, wirklich jeder lässt sich bis Freitag nach der Mittagspause zeiht, mir mitzuteilen, was NOCH UNBEDINGT in den newsletter muss, weil es nicht zwei Wochen warten kann, bis der nächste erscheint. Na, prima! Ich weiß schon, wie ich meinen Urlaub legen werden, hehe!
Danach war ich dann das erste Mal (naja, das is gelogen, eigentlich das zweite Mal) im Kino, aber das erste Mal in der Innenstadt. Ich dachte mir: Na, sechs Pfund für ein Studententicket kann man schon lassen, billiger wird’s auch in den Suburbs nicht... Allerdings wollten die Herrschaften im Kino meinen internationalen Studentenausweis nicht gelten lassen! Sauerei, die akzeptieren nur englische... Pf, als könnten wir Festlandeuropäer uns mehr leisten, als die Insulaner! Hab ich dem netten Mann hinter der Theke auch gleich wissen lassen... Und schon war ich als Deutsche entlarvt ;-) Aber weil er es so nett fand, dass ich mir als Deutsche „The Good German“ anschauen wollte, hat er dann großzügig ein Auge zugedrückt! Nett, oder? Auch nett: Jede Kabine in der Damentoilette hatte nen eigenen Stern, wie aufm Walk of Fame (hihi, eher Walk of Shit...):
Da ich noch gut viel Zeit hatte, bevor der Film losging (eine Unart in London ist es, dass Kinofilme immer um sechs und um neun starten, wie auch die Filme zur Primetime im Fernsehen...), hab ich so ein bisschen die Gegend rum um den Piccadilly Circus und den Trafalgar Square erkundet, und war überrascht was sich in den Querstraßen und -gassen so alles antreffen ließ: Theater, Cafés, Musicals, alles da. Und dann stand ich plötzlich vor einer völlig in schwarz gekleideten Häuserfront, das Theater in dem „Equus“ aufgeführt wird. Ich weiß nicht, ob sich das bis Deutschland rumgesprochen hat, aber das ist ein Stück über einen 17-Jährigen mit gestörtem Verhältnis zu Pferden, und in der Titelrolle: Harry Potter Darsteller, Daniel Radcliffe. Und jetzt das Sensationelle: In einer Szene ist er völlig, und ich meine völlig, nackt zu sehen! Empörung in den englischen Zeitungen! Unnötig zu erwähnen, dass zig pubertäre Girlies vorm Backstageeingang drängelten, oder? Naja, auf jeden Fall werd ichs mir mit meiner Mitbewohnerin Sybille auch bald mal anschauen...
Am Samstag war ich ich dann mit Sybille und einer Kollegin von ihr samt Freunden (und ich geb gleich zu: einem sehr gut aussehenden Studienfreund von ihr) zum ersten Mal in einer schicken Ausstellung in einer Kunstgalerie. Unglaublich was die Leute bereit sind für Bilder von Banksy zu berappen. Eine Kostprobe links...
Und diese Bilder verkaufen sich dann auch zwischen 9,000 und 85,000 Pfund. Aber ich muss sagen, ich finde seine Sachen gut, und er macht auf viele politische Dinge, wer mehr über ihn wissen will, kann mal bei wikipedia (http://de.wikipedia.org/wiki/Banksy) oder auf seiner Homepage vorbeisurfen (http://www.banksy.co.uk/). Und weil die Ausstellung relativ klein war, und wir eher raus waren als gedacht, sind wir ins Pub. Um vier Uhr nachmittags. Ich war aber die einzige die sich eine Kaffee bestellt hat, der Rest hat gleich mit Bier angefangen ;-) Nach meinem Cappuccino bin ich dann aber auch auf Bier umgestiegen, und hab jetzt endlich ein englisches Bier (zum ersten Mal, dass... ähem) entdeckt, dass mir schmeckt: Bombardier. Lustig an der Sache: Ein britischer Flugzeugbauer und Kunde unserer Firma heißt genauso ;-) Das Pub war übrigens voll schön, mit Kamin und vielen Sofas und einem gut aussehendem Ingenieur neben mir ;-) Und auf dem Weg zur U-Bahn bin ich dann zum aller ersten Mal einer Berühmtheit begegnet, die ich nicht kannte, aber mein Fußballbegeisterter neuer Bekannter sehr wohl: Fredrik Ljungberg, schwedischer Fußballer, derzeit bei Arsenal London, Teamkollege von Jens Lehmann (dem wär ich lieber begegnet *g*). Also mal ehrlich, wer von euch hätte den gekannt???
Am Sonntag war dann erstmal Großeinkauf angesagt, schließlich steht ja diese Woche mein erster Besuch an (Sigi und Sonja) dicht gefolgt von meinem Osterbesuch (Sophie und Marlen). Und weil so ein schöner Tag war, bin ich noch mit meiner neuen Mitbewohnerin Wencke losgezogen und hab Lewisham (zum ersten Mal) so richtig erkundet. War total spannend, vor allem der Garten unserer übernächsten Nachbarns. Mit diesen Bildern verabschiede ich mich dann auch für diese Woche....
OHA, halt, fast hätte ich was vergessen: Meine allererste „Hitler-Geschichte“. Mir wurde ja schon vorher von vielen anderen Deutschen versichert, dass man früher oder später auf die deutsche Nazivergangenheit auf die eine oder andere Weise angesprochen wird. Mein erstes Mal, also am Sonntag:
Per Zufall waren Wencke und ich auf einen weiteren Park in Lewisham gestoßen und sind da ein bisschen rumgelaufen. Auf der anderen Seite wollten wir dann durch ein Gittertor wieder auf eine der Hauptstraßen. Allerdings war dieses Tor aus irgendeinem Grund abgeschlossen. Und als wir ganz ratlos davor rumstanden, kam ein älterer Mann auf uns zu, und meine so, naja, dann müssen wir halt drüber springen nicht?! Ja, haha, hab ich gemeint, so hoch kann ja kein Mensch springen, und dann sagt er, na dann klettern wir eben. Und ohne Schmarrn ist er dann das Tor hoch geklettert. Es sei erwähnt, dass der Gute sicher schon jenseits der 70 war und das Tor von Eisenspitzen gekrönt war, und der steigt einfach da hoch! Ich sah mich schon erste Hilfe an einem aufgespießten, schmuddeligen Senioren leisten (keine schöne Vorstellung, im übrigen!)... Die Wencke hat dann keine zwei Meter entfernt ein Stück Zaun entdeckt, dass nicht so hoch und ohne Speerspitzen war, da sind wir dann drüber geklettert. Aus einem mir nicht nachvollziehbaren Grund hat es auch der Alte übers Tor geschafft (Gott, war ich froh ihn nicht Mund-zu-Mund beatmen zu müssen *g*). Und weil die Briten nun mal gern schwatzen, wollte er halt wissen, woher wir kommen und was wir hier machen. Und als ich ihm dann verraten hab, dass wir Deutsche sind, legt er den Kopf schrägt nd fragt mich: „Do you know Hitler?“ Äh, ja, also ich hab dann mal geantwortet, dass ich ihn zwar nicht persönlich kannte, aber dass ich schon weiß, wen er meint. Wollte so unverfänglich bleiben, wie es geht, weil ich ja nicht wusste, in welche Richtung das gehen würde. Und mit dieser hatte ich nun wirklich nicht gerechnet: „Well yes, he was a brilliant man!“ ??? Wie bitte??? Hab ich da richtig gehört? Der Gute weiß aber schon, dass London fast in Schutt und Asche gebombt wurde von diesem brilliant man, ganz abgesehen von dem anderen Leid, dass er über die Welt gebracht hat! Meine Bestürzung war mir wohl ins Gesicht geschrieben, weil er mir dann gleich versicherte, dass ich ja viel zu jung bin, um das nachvollziehen zu können... Ja, ich hab mich dann mit einem „Well, could be a generation thing...“ versucht aus der Affäre zu ziehen, aber leider war er sehr gesprächig: Die Welt bräuchte mehr Männer wie Hitler, denn England ist ja leider voll von Polen und Schwarzen. Und die Engländer und die Deutschen, ja, die sind ja quasi ein Volk, alles Angelsachsen, die beste Rasse... Du meine Güte, ich konnte gar nicht fassen, was ich da hörte! Ich hab ihn dann einfach weiter plappern lassen, allerdings nicht ohne ihm zu versichern, dass ich da völlig anderer Meinung bin, und dass ich unter den Menschen keine Unterschiede und Abstufungen mache, worauf ich dann nur zur Antwort bekam, dass ich noch viel zu jung sei, um zu begreifen, dass die Welt zu Grunde geht, wenn alle Leute so eine Einstellung wie ich hätten! Ich konnte nur noch den Kopfschütteln, mich Umdrehen und gehen!
Naja, in diesem Sinne, her mit dem Weltuntergang!
